Mit der askew zwischen Profiteams und reinrassigen Regattayachten
Die Copa del Rey gehört zu den bekanntesten und traditionsreichsten Segelregatten im Mittelmeer und war für uns eines der großen Regattaprojekte der Saison 2026. Jedes Jahr trifft sich in Palma de Mallorca ein internationales Feld aus ambitionierten Amateurcrews, professionellen Teams und einigen der besten Segler der Welt. Dazu kommen Boote, bei denen kaum ein Detail dem Zufall überlassen wird. Viele von ihnen werden ausschließlich für Regatten vorbereitet und kommen mit eigener Landcrew, Segelmachern und entsprechend großem Materialaufwand nach Mallorca.
Auch der spanische König ist traditionell Teil der Veranstaltung und segelt selbst im Regattafeld mit. Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit rund um die Copa. Im Hafen liegen während dieser Woche einige der spannendsten Regattaboote Europas direkt nebeneinander und auf dem Wasser wird auf einem Niveau gesegelt, das man als studentisches Vereinsteam nicht jeden Tag erlebt. Genau deshalb wollten wir mit der askew dabei sein.
Für uns war von Anfang an klar, dass unsere Ausgangslage etwas anders aussehen würde als bei vielen unserer Konkurrenten. Die askew ist kein reines Regattaboot, das für eine Woche vollständig leergeräumt und anschließend von einer Landcrew betreut wird. Sie ist unser Vereinsboot, mit dem wir anreisen und auf dem wir während der Veranstaltung leben. Trotzdem wollten wir sehen, wie weit wir mit guter Vorbereitung, viel Training und einer motivierten Crew in einem solchen Feld kommen können. Mit acht Leuten an Bord, davon sechs Studierenden, und Joshua als Skipper begann das Projekt allerdings nicht in Palma, sondern einige Tage vorher in Barcelona. Bis zum ersten Start lagen noch die Vermessung des Bootes, die Überfahrt nach Mallorca, mehrere Trainingstage und einiges an Arbeit an der askew vor uns. Damit war die Copa für uns von Anfang an deutlich mehr als nur eine Regattawoche. Es war gleichzeitig Überführung, Training, Bootsoptimierung und vor allem die Möglichkeit, als Crew innerhalb weniger Tage möglichst viel dazuzulernen.
Und genau dieses Lernen begann schon beim ersten Tag in Barcelona.
Dort hatte Jens bereits einiges vorbereitet. Besonders hilfreich war, dass er die Regattasegel mit dem Auto bis nach Barcelona gebracht hatte. Das hat uns logistisch einiges erleichtert, denn damit mussten wir die zusätzlichen Segel nicht über die komplette vorherige Strecke an Bord transportieren. Bevor es losging, gab es von Jens noch ein kleines Briefing zum Boot. Er berichtete von seinen Erfahrungen aus dem vorherigen Spinnakertraining, gab uns ein paar Hinweise zu den Manövern und brachte uns technisch auf den aktuellen Stand der askew. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an Jens für den Transport der Segel, die Vorbereitung und die Übergabe des Bootes. Nach dem Einkauf ging es dann ziemlich direkt aus dem Hafen. Auf dem Weg nach draußen konnten wir noch die Scorpion, eine ClubSwan 125, auf dem Trockendock bestaunen. Danach führte unser Weg allerdings zunächst in die falsche Richtung, zumindest wenn das eigentliche Ziel Palma heißt.
Für die Copa brauchten wir eine neue Wasservermessung. Ursprünglich sollte diese in Barcelona stattfinden. Der Vermesser hatte uns allerdings schon vorgewarnt, dass es dort zeitlich eng werden könnte und die Bedingungen für eine wirklich ruhige Messung nicht unbedingt ideal seien. Also ging es ein Stück nach Norden nach Mataró.
Das stellte sich schnell als ziemlich gute Entscheidung heraus. Im Hafen lagen bereits einige andere Boote, die ebenfalls auf dem Weg zur Copa waren. Darunter mehrere sehr sportliche Yachten und auch die DK46 von HM Hospitales, die uns schon von anderen großen Mittelmeerregatten bekannt war. Mataró wirkte damit fast wie ein kleines vorgeschaltetes Regattazentrum. Überall wurden Boote vorbereitet, Material sortiert und letzte Arbeiten erledigt, bevor es weiter Richtung Mallorca ging. Der Hafen selbst war angenehm unkompliziert und für die Vermessung konnten wir eine freie Doppelbox nutzen.
Dann begann das große Ausräumen. Für die Wasservermessung musste wirklich fast alles von Bord. Feuerlöscher, Pyrotechnik, persönliche Sachen, Werkzeug und sonstige Ausrüstung wurden ausgeladen. Am Ende sollte möglichst nur das Boot selbst mit der fest eingebauten Einrichtung übrig bleiben. Dass die eigentliche Messung danach trotzdem fast den ganzen Tag dauern würde, hatten wir so nicht ganz eingeplant. Schon etwas Wind und kleinste Wellenbewegungen waren auf dem Neigungssensor sichtbar. Damit musste immer wieder gewartet werden, bis das Boot wirklich ruhig lag und brauchbare Messwerte aufgenommen werden konnten. Wir hatten morgens gegen acht Uhr begonnen und waren erst ungefähr um 15 Uhr wirklich fertig. Immerhin konnte der Vermesser bei der Gelegenheit auch direkt unseren neuen Spieß mit vermessen. Damit war dieser Punkt ebenfalls erledigt und wir konnten die neue Konfiguration bei der Copa offiziell nutzen.
Da Jan und Emi zu diesem Zeitpunkt noch nicht bei uns waren, ging es anschließend mit kleiner Crew noch einmal aufs Wasser. Für das erste Einsegeln war das eigentlich gar nicht schlecht. Wir konnten ein paar Schläge fahren, die ersten Manöver ausprobieren und uns langsam wieder an die Abläufe gewöhnen.
Am nächsten Tag ging es zunächst zurück nach Barcelona. Dort trafen wir Larissa, die einen Tag mit uns mitsegelte. Mit einer Person mehr an Bord kamen wir unserer späteren Crewkonfiguration schon deutlich näher. Dadurch konnten wir die Manöver realistischer aufteilen und hatten noch einmal einen sehr schönen Trainingstag vor Barcelona.
Danach wurde es ernst und wir machten uns auf den Weg nach Mallorca. Am Anfang hatten wir noch ordentlich Wind. Da vor uns eine längere Überfahrt lag, wollten wir das Material nicht unnötig belasten und entschieden uns für eine eher konservative Segelwahl mit der G3,5 und dem zweiten Reff. Die Devise war eindeutig. Lieber sicher und materialschonend nach Palma kommen, als bereits auf der Überfahrt unnötig etwas kaputtzumachen. Im Laufe der Nacht nahm der Wind dann, ziemlich genau wie vorhergesagt, immer weiter ab. Die letzten Stunden Richtung Mallorca liefen deshalb unter Motor. Bevor es direkt nach Palma ging, legten wir noch eine Pause in einer Ankerbucht ein. Ein bisschen schlafen, essen und durchatmen tat nach der Überfahrt ziemlich gut.
Am Abend ging es dann weiter in den Hafen von Palma. Dort kam Jan dazu. Das merkte man schnell. Ein größerer Teil der Crew war bereits häufiger mit ihm gesegelt und dementsprechend schnell war wieder eine vertraute Stimmung an Bord. Auch die Abende hatten damit direkt wieder einen gewissen Unterhaltungswert.
Die nächsten Tage wurden genutzt, um möglichst viele Manöver zu fahren und die einzelnen Positionen festzulegen.
Gerade bei den kurzen Rennen der Copa war klar, dass wir uns keine großen Abstimmungsprobleme leisten konnten. Zwischen Start, Kreuz, Spinnakersetzen, Halsen und Bergen liegen teilweise nur wenige Minuten. Jeder muss deshalb schon vor dem Manöver wissen, was als Nächstes passiert.
Einen Tag vor dem ersten Rennen kam schließlich auch Emi dazu. Damit waren wir zum ersten Mal mit allen acht Leuten an Bord.
Natürlich wäre etwas mehr gemeinsame Trainingszeit schön gewesen. Gerade die Positionen, bei denen während der Manöver sehr viel passiert, mussten schon vorher vergeben und eingespielt werden.
Für Emi blieb dadurch zunächst eine etwas ruhigere Aufgabe. Mit nur einem gemeinsamen Trainingstag war es schwierig, kurz vor der Regatta noch einmal die komplette Crewaufteilung umzubauen. Gleichzeitig zeigte sich schnell, dass sie gerade durch ihre Flexibilität an vielen Stellen eine wichtige Unterstützung sein konnte.
Trotzdem tat der Tag in voller Besetzung gut und danach stand auch schon das Practice Race an.
Das Practice Race war für uns vor allem dafür da, den Start und die letzten Manöver unter echten Regattabedingungen zu testen. Beim ersten Start gab es direkt einen allgemeinen Frühstart. Für uns eigentlich perfekt, denn damit bekamen wir gleich zwei Starts kurz hintereinander. Dabei merkten wir ziemlich schnell, dass wir unseren Platz an der Linie wirklich verteidigen mussten. Besonders gegen die Cape 31 war es schwierig. Die Boote konnten etwas höher fahren und beschleunigten schnell. Wenn wir ihnen direkt nach dem Start zu viel Platz ließen, waren wir innerhalb kürzester Zeit im Abwind und hatten kaum noch eine Möglichkeit, unsere eigene Geschwindigkeit zu fahren.
Beim zweiten Versuch funktionierte das schon deutlich besser. Wir verteidigten unseren Platz, kamen sauber aus der Linie und waren zunächst ziemlich weit vorne dabei. Auch an den Tonnen wurde weiter ausprobiert. Beim Bergen entschieden wir uns dafür, den Spinnaker herunterzunehmen, während parallel schon die Fock gesetzt wurde. Wenn alles passte, war das ziemlich schnell und wir konnten unmittelbar nach der Rundung wieder Höhe laufen. Etwas komplizierter wurde es, wenn am Gate kurzfristig die Seite gewechselt wurde oder vorher noch eine Halse notwendig war. Da konnte aus einem eigentlich schönen Ablauf auch schnell ziemlich viel Action werden. Insgesamt funktionierte es aber gut genug, dass wir mit einem guten Gefühl in den ersten richtigen Renntag gingen.
Der erste Wettkampftag begann direkt mit einem guten Start. Wir kamen frei weg und konnten zunächst unser eigenes Rennen fahren. Bei den Manövern merkte man allerdings noch, dass uns ein paar gemeinsame Tage fehlten. Nicht alles funktionierte auf Anhieb so sauber, wie wir es gerne gehabt hätten. Das wurde aber von Rennen zu Rennen besser. Gerade die Abläufe an der Leetonne waren im zweiten Lauf schon deutlich sauberer als im ersten. Genau dafür waren diese Rennen ziemlich gut. Es gab viel Action, viele Manöver und eigentlich ständig etwas, das man im nächsten Lauf noch ein kleines bisschen besser machen konnte. Nach dem Segeln setzten wir uns zusammen und gingen den Tag noch einmal durch. Was war gut, wo hatten wir Zeit verloren und welchen Ablauf wollten wir am nächsten Morgen ändern? Mit dem ersten Tag waren wir insgesamt ziemlich zufrieden.
Dass unsere Manöver im Laufe der Woche immer besser wurden, lag vor allem daran, dass sich an Bord jeder in seine Position eingearbeitet hatte. Auf den ersten Blick sind es acht einzelne Aufgaben. Im Manöver funktioniert aber keine davon wirklich allein.
Ganz vorne begann das Ganze mit Bene. Bene war unser Flummi am Vorschiff. Wenn der Spinnaker angeschlagen, die Fock umgebaut oder das nächste Manöver vorbereitet werden musste, war er meistens schon dort, wo er gebraucht wurde. Am Vorschiff muss vieles innerhalb weniger Sekunden passieren. Dazu kommen Welle, Wind und eine ordentliche Portion Adrenalin. Genau diese Mischung aus Schnelligkeit, Konzentration und einer gewissen Schlagkraft passte ziemlich gut zu Bene. Gerade wenn es hektisch wurde, konnte man sich darauf verlassen, dass vorne gearbeitet wurde.
Direkt dahinter kam Vincent am Mast. Wenn Bene der Flummi war, dann war Vincent unser Muskelpaket. Dinge, bei denen andere vielleicht noch einmal Luft holen mussten, sahen bei ihm meistens erstaunlich einfach aus. Den Spinnaker hochziehen, beim Bergen richtig zupacken oder vorne unterstützen, wenn irgendwo Kraft benötigt wurde, gehörte zu seinem Tagesgeschäft. Gleichzeitig bediente er am Mast den Spinnakerbaum und sorgte dafür, dass dieser zur richtigen Zeit hoch oder runter kam. Wenn vorne etwas mit viel Kraft und möglichst schnell erledigt werden musste, stand Vincent eigentlich immer schon da.
Eine Position weiter hinten saß unsere Hydraulik. Sascha hatte gerade während der Starts einiges zu kurbeln. Wenn wir eine Lücke gesehen hatten und uns dort hineinschießen wollten, mussten die Segel innerhalb kürzester Zeit dicht sein. Das funktionierte teilweise so schnell, dass aus einer kleinen Lücke plötzlich ein ziemlich guter Startplatz wurde. Genau diese Fähigkeit war für unsere Starts enorm wertvoll. Seine eigentliche Aufgabe hörte damit aber nicht auf. Sascha war gleichzeitig so etwas wie unser Bootsmanager. Er wusste erstaunlich genau, was an Bord war und wo es lag. Er achtete darauf, dass genügend Getränke und Verpflegung vorhanden waren und dass wir zwischen den Rennen nicht irgendwann ohne Energie dastanden. Cola und Wassermelone tauchten deshalb meistens genau dann auf, wenn sie dringend benötigt wurden.
Dahinter saß Jan an der Schaltzentrale im Pit. Bei ihm liefen während eines Manövers gefühlt mehrere Dinge gleichzeitig zusammen. Fallen mussten auf oder zu, der Topnant musste bedient werden und auch Unterliekstrecker und weitere Leinen wollten im richtigen Moment bewegt werden. Die eigentliche Kunst bestand dabei weniger darin, eine einzelne Leine bedienen zu können. Entscheidend war, vorauszudenken. Wenn der Unterliekstrecker erst nach der Tonnenrundung auffällt, ist man eigentlich schon zu spät. Jan hatte deshalb immer im Kopf, was in den nächsten Sekunden passieren würde und bereitete die Dinge möglichst schon vor, bevor sie wirklich benötigt wurden. Bei der Menge an Abläufen, die dort zusammenlaufen, war das eine ziemlich anspruchsvolle Position, die er sehr ruhig und zuverlässig gefahren ist.
Emi war unsere flexible Unterstützung für alles, was gerade zusätzlich anfiel. Wenn sich ein Manöver anders entwickelte als geplant oder irgendwo kurzfristig eine Hand fehlte, konnte sie einspringen. Gerade bei den Tonnenmanövern unterstützte sie Sascha und Leon, fuhr den Traveller des Großsegels und half zusätzlich bei den Achterholern. Diese Rolle klingt zunächst vielleicht weniger eindeutig als eine feste Position am Mast oder am Großsegel. In der Praxis war sie aber ziemlich wertvoll. Gerade wenn acht Leute gleichzeitig arbeiten und sich ein Ablauf innerhalb von Sekunden verändert, braucht man jemanden, der erkennt, wo gerade eine zusätzliche Hand den größten Unterschied macht.
Danach kam Leon als Main Trimmer. Das Großsegel zu bedienen sieht von außen zunächst relativ einfach aus. Auf diesem Niveau steckt allerdings ziemlich viel Feinarbeit dahinter. Gerade am Wind entscheidet das Großsegel stark darüber, ob das Boot Höhe und Geschwindigkeit halten kann. Noch interessanter wird es nach einer Wende. Dann geht es zunächst darum, das Boot wieder zu beschleunigen. Manchmal reichen dafür wenige Zentimeter Schot, damit das Groß oben etwas aufmacht und die askew schneller ins Fahren kommt. Mit zunehmender Geschwindigkeit wird das Segel dann wieder Stück für Stück dichter genommen. Diese kleinen Anpassungen ständig richtig zu treffen, ist deutlich schwieriger, als einfach nur die Großschot zu bedienen. Leon hatte dabei immer die Performance des Bootes im Blick und machte einen richtig starken Job.
Bei Alessa liefen dann viele taktische Informationen zusammen. Sie beobachtete das Feld, suchte nach Lücken und half dabei, einzuschätzen, wo wir uns positionieren wollten. Gerade in hektischen Situationen war ihre Aufgabe aber auch, den Überblick zu behalten.
Wenn vorne einmal etwas nicht nach Plan funktionierte, unterstützte sie dort, wo es gerade nötig war. Dadurch konnten sich die Leute auf die Arbeiten konzentrieren, die in diesem Moment wirklich Priorität hatten. Für diese Position braucht es vor allem Nervenstärke. Wenn mehrere Boote gleichzeitig aufeinander zufahren, überall gerufen wird und die Abstände ziemlich klein werden, darf man sich nicht von jedem anderen Boot aus der Ruhe bringen lassen. Manchmal muss man seiner Einschätzung vertrauen, die Lücke stehen lassen und auch einmal auf ein anderes Boot zufahren, obwohl das aus der eigenen Perspektive ziemlich eng aussieht. Genau diese Ruhe entwickelte sich bei Alessa über die Woche immer weiter und war gerade bei unseren guten Starts ein wichtiger Teil des Gesamtbildes.
Ganz hinten saß schließlich Joshi am Steuer. Als Skipper musste er die Informationen, die von Taktik, Navigation und Crew kamen, aufnehmen, sortieren und daraus eine klare Entscheidung machen. Gerade am Start prasselt ziemlich viel gleichzeitig auf den Steuermann ein. Abstand zur Linie, Geschwindigkeit, andere Boote, Wind, Zeit und die eigene Position müssen irgendwie zu einem sinnvollen Gesamtbild werden. Gleichzeitig war seine Aufgabe, Ruhe und Klarheit an Bord zu behalten. Wenn ein Manöver nicht perfekt lief, half es niemandem, anschließend noch mehr Hektik entstehen zu lassen. Entscheidend war, die Situation zu lösen und sich direkt wieder auf das Nächste zu konzentrieren.
Genau das machte am Ende auch unsere Crew aus. Bene musste vorne schnell sein. Vincent brachte die Kraft. Sascha sorgte dafür, dass die Segel im entscheidenden Moment dicht waren und nebenbei niemand verhungerte. Jan koordinierte seine Schaltzentrale im Pit. Emi sprang dort ein, wo gerade eine zusätzliche Hand nötig war. Leon holte aus dem Großsegel möglichst viel heraus. Alessa behielt Feld und Taktik im Blick und Joshi versuchte am Ende, alle Informationen in die richtige Richtung zu übersetzen. Keine dieser Positionen hätte allein viel gebracht. Zusammen funktionierte es aber von Tag zu Tag besser.
Spätestens am Steg wurde deutlich, dass wir die Copa vielleicht mit dem gleichen sportlichen Ehrgeiz angingen wie die anderen Teams, bei der Unterbringung aber ein etwas anderes Konzept verfolgten. Die Copa del Rey ist eine ziemlich prestigeträchtige Veranstaltung und das merkt man auch an den Booten. Viele der Yachten waren für die Rennen praktisch komplett leergeräumt. An Bord wurde nicht geschlafen, gekocht oder gewohnt. Alles, was Gewicht bedeutete und nicht unmittelbar zum Regattasegeln benötigt wurde, war verschwunden. Teilweise hatte man den Eindruck, dass außer Segeln, Schoten und ein paar Wasserflaschen eigentlich nichts mehr an Bord war.
Wir hatten zwar schon in Barcelona unglaublich viel Material von der askew heruntergenommen, trotzdem sah unser Liegeplatz ein kleines bisschen anders aus. Gefühlt belegten wir am Steg dreimal so viel Platz wie alle anderen. Hier lag noch eine Tasche, dort ein Segelsack, irgendwo musste das Werkzeug hin und irgendwann stellte jemand fest, dass wir zum Abendessen vielleicht doch noch einen Topf brauchen könnten. Dann wurde wieder umgeräumt, eine Tasche von links nach rechts geschoben und anschließend festgestellt, dass genau unter dieser Tasche natürlich das lag, was man fünf Minuten später brauchte.
Während andere Teams nach dem Rennen ihr perfekt aufgeräumtes Boot verließen und Richtung Hotel verschwanden, begann bei uns die abendliche Verwandlung vom Regattaboot zurück zur Unterkunft für acht Leute. Unter Deck war es bei den Temperaturen allerdings teilweise so warm, dass sich das Leben sowieso sehr schnell ins Cockpit verlagerte. Dort wurde gegessen, zusammengesessen, der Tag besprochen und natürlich auch das ein oder andere kalte Getränk geöffnet.
Optisch lagen zwischen den perfekt aufgeräumten Profibooten und unserem schwimmenden Basislager dadurch gelegentlich ein paar Welten. Die Security beobachtete das Ganze entsprechend interessiert. Bei der Copa war die Sicherheitspräsenz durchaus beeindruckend. Zu den Stoßzeiten liefen gefühlt fünfzehn Security Leute durch den Hafen und kontrollierten, wer sich auf den Stegen bewegte. Dass ausgerechnet auf einem der Regattaboote acht Leute nicht nur segelten, sondern offenbar auch dauerhaft wohnten, passte vielleicht nicht vollständig in das gewohnte Bild. Für uns gehörte das allerdings zum Konzept. Hotelzimmer für acht Personen in Palma während der Copa hätten wir uns als studentisches Team nicht leisten können. Also wurde die askew kurzerhand gleichzeitig Regattaboot, Unterkunft, Küche, Werkstatt und Mannschaftsraum.
Und dann gab es noch den Pool. Als wir in Palma ankamen, mussten wir zunächst feststellen, dass dieser nur für Clubmitglieder zugänglich war. Bei Temperaturen, bei denen man schon beim Gedanken an Unter Deck ins Schwitzen kam, war das natürlich eine eher schlechte Nachricht. Also wurde immer wieder freundlich nachgefragt und irgendwann hatten wir mit bezahltem Liegeplatz und den entsprechenden Segelbändchen tatsächlich offiziell Zugang. Von diesem Moment an entwickelte sich der Pool relativ schnell zu einem festen Bestandteil unseres Regattaalltags. Nach einem langen Tag auf dem Wasser gab es kaum etwas Besseres, als direkt ins Wasser zu springen und sich für ein paar Minuten abzukühlen.
Natürlich funktionierte selbst das nicht ganz ohne Zwischenfall. Beim Schwimmen verabschiedete sich irgendwann eines unserer Bändchen vom Handgelenk. Ein kleines Detail, das bei einer weniger aufmerksamen Veranstaltung möglicherweise niemand bemerkt hätte.
Nicht so bei der Copa. Es dauerte gefühlt nur Sekunden, bis der fehlende Zugangsnachweis entdeckt wurde. Die Trillerpfeife kam zum Einsatz und die dazugehörigen Blicke machten ziemlich eindeutig klar, dass hier gerade gegen die internationale Poolordnung verstoßen worden war. Damit war endgültig klar, dass die Veranstaltung organisatorisch ein kleines bisschen professioneller aufgestellt war als unser schwimmendes Studentenwohnheim.
Davon haben wir uns den Pool allerdings nicht madig machen lassen. Im Gegenteil. Irgendwann gehörten wir vermutlich ohnehin zu den bekannteren Erscheinungen am Steg. Nicht unbedingt wegen unserer perfekt aufgeräumten Ausrüstung, sondern weil bei uns eigentlich immer etwas los war. Es wurde zusammen gegessen, geschraubt, diskutiert, gelacht und nach den Rennen natürlich auch das eine oder andere Anlegerbier getrunken. Und wahrscheinlich war genau dieses gemeinsame Wohnen auf der askew am Ende sogar ein ziemlich wichtiger Teil des Projekts. Während andere Crews nach dem Rennen auseinandergingen, verbrachten wir praktisch die komplette Woche zusammen. Die Analyse vom letzten Lauf ging beim Abendessen weiter, irgendeine Idee für das Boot wurde noch schnell umgesetzt und spätestens am nächsten Morgen wusste wieder jeder, was verbessert werden sollte. Vielleicht sah unser Liegeplatz manchmal etwas weniger nach Profiteam und etwas mehr nach Campingurlaub aus. Aber zusammengeschweißt hat uns das definitiv.
Am nächsten Tag kam mit dem Coastal Race etwas Abwechslung zu den klassischen Kursen. Auch die Vorbereitung war diesmal anders.
Wir hatten den Kurs vorher in Expedition vorbereitet und die einzelnen Marken über eine CSV Datei eingepflegt. Dadurch konnten wir bereits vorher sehen, welche Kurse und Windwinkel uns auf den verschiedenen Abschnitten erwarten würden. Alessa arbeitete sich dabei immer weiter in die Navigation ein und konnte an den Marken ziemlich direkt sagen, mit welchem Windwinkel wir auf dem nächsten Abschnitt rechnen mussten. Das half enorm bei der Segelwahl. Joshi konnte frühzeitig entscheiden, welches Segel als Nächstes gebraucht wurde und die Crew hatte genug Zeit, alles auf der richtigen Seite vorzubereiten. Dadurch wurden die Rundungen ziemlich sauber. Das richtige Segel lag meistens schon bereit und wir mussten nicht erst nach der Tonne anfangen zu überlegen, was eigentlich als Nächstes passieren sollte.
Das Coastal Race war insgesamt ein ganz anderes Segeln als die kurzen Rennen davor. Weniger Manöver direkt hintereinander, dafür musste viel weiter vorausgedacht werden. Welches Segel brauchen wir nach der nächsten Marke? Müssen wir vorher noch halsen? Auf welcher Seite wird das Segel vorbereitet? Wie verändert sich der Windwinkel? Ein ziemlich cooler Tag und vor allem für Navigation und Segelwahl sehr lehrreich.
Danach standen wieder die klassischen Inshore Rennen auf dem Programm. Unsere Starts entwickelten sich während der Woche immer mehr zu einer Stärke. Wir kamen ziemlich konstant gut von der Linie weg und schafften es mehrfach, uns im Startprozess vor deutlich stärkeren Teams zu positionieren. Besonders schön war zu sehen, dass wir dabei auch vor der MIT, den amtierenden ORC Weltmeistern, aus der Linie kamen.
Nach den ersten Wenden zeigte sich dann häufig die unterschiedliche Geschwindigkeit der Boote. Viele Konkurrenten waren leichter und konsequent auf diese Art von Regatta optimiert. Für uns bedeutete das, besonders darauf zu achten, freien Wind zu behalten und die askew möglichst ungestört laufen zu lassen. Manchmal war es deshalb besser, ein paar Meter mehr zu fahren und dafür Geschwindigkeit zu behalten, als auf der theoretisch richtigen Seite hinter mehreren schnelleren Booten festzuhängen.
Gerade dadurch wurde das Segeln taktisch ziemlich interessant. Am Start ging es teilweise extrem eng zu. Man musste seinen Platz verteidigen, sauber beschleunigen und direkt danach entscheiden, wie man aus der Situation herauskam. Wenn man dabei einem anderen Boot auch einmal das Leben etwas schwerer machen konnte, gehörte das natürlich genauso dazu.
Auch nach den Rennen war meistens noch nicht Feierabend. Während der Woche wurden immer wieder kleinere Sachen am Boot verbessert. Die Winchen wurden geserviced. Für den Achterstagsheber am Großsegel bauten wir eine Lösung mit einer Segellatte, damit die oberste Latte beim Wenden nicht mehr so leicht am Achterstag hängen blieb. Das sollte vor allem das Segel schonen. Auch beim Unterliek wurde weitergebaut. Dort entstand eine Untersetzung, damit beim Trimmen weniger Last auf die Winch kam. Das war eigentlich ziemlich typisch für die Woche. Segeln, anlegen, etwas essen, kurz überlegen, was heute nicht optimal war und dann wurde meistens noch irgendetwas geschraubt, verändert oder für den nächsten Tag vorbereitet.
Auch hier funktionierte das Zusammenspiel ziemlich gut. Vincent kümmerte sich nach dem Anlegen zuverlässig um Eis, damit es nach dem Rennen ein kaltes Anlegerbier gab. Sascha hatte weiterhin den Überblick über erstaunlich viele Dinge an Bord. Andere gingen einkaufen, räumten auf, spülten ab oder bereiteten Material für den nächsten Tag vor. Dadurch funktionierte die Woche auch abseits der Rennbahn erstaunlich entspannt.
Am Ende bleibt von der Copa vor allem eins hängen: Das Projekt hat einfach wahnsinnig viel Spaß gemacht. Wir sind mit unserem Vereinsboot nach Palma gekommen, haben uns zwischen professionell vorbereiteten Regattayachten an die Startlinie gelegt und innerhalb weniger Tage als Crew einen riesigen Schritt gemacht. Dabei ging es für uns nie nur um eine Zahl in der Ergebnisliste. Wir wollten lernen, schneller werden, uns mit richtig guten Teams messen und herausfinden, was mit der askew und einer motivierten Crew möglich ist. Genau das haben wir geschafft. Unsere Starts wurden im Laufe der Woche zu einer echten Stärke. Wir konnten uns mehrfach sehr gut im Feld positionieren und kamen sogar vor Teams wie den amtierenden ORC Weltmeistern über die Linie. Die Manöver wurden von Rennen zu Rennen sauberer und irgendwann liefen Dinge, über die wir am Anfang noch lange gesprochen hatten, fast automatisch ab. Beim Coastal Race funktionierte die Vorbereitung mit Expedition, Navigation und Segelwahl richtig gut. An den Tonnen waren die nächsten Segel vorbereitet und die Abläufe wurden immer vorausschauender. Gleichzeitig haben wir während der Woche die askew weiter verbessert, Lösungen gebaut, Winchen geserviced und jeden Tag versucht, ein kleines bisschen mehr aus dem Boot herauszuholen.
Vor allem aber sind wir als Crew zusammengewachsen. Acht Leute mit acht unterschiedlichen Aufgaben haben angefangen, wirklich als ein Team zu funktionieren. Jeder konnte sich darauf verlassen, dass die anderen ihre Arbeit machen. Wenn irgendwo etwas nicht lief, war direkt jemand da, der unterstützt hat. Und genauso wichtig wie die Rennen war alles drumherum. Wir haben zusammen auf der askew gewohnt, gekocht, Taschen von einer Seite auf die andere geräumt, im Cockpit gegessen, den Pool erobert, Anlegerbier getrunken, geschraubt, analysiert und sehr viel gelacht. Wahrscheinlich kannten uns am Ende einige Leute im Hafen nicht unbedingt deshalb, weil wir das professionellste Team vor Ort waren, sondern weil bei uns eigentlich immer gute Stimmung war. Genau das hat die Woche so besonders gemacht.
Wir sind zu einer der größten Regatten im Mittelmeer gefahren, haben uns in einem extrem starken Feld behauptet, unglaublich viel gelernt und dabei als Crew eine richtig gute Zeit gehabt. Wenn man nach so einer Woche vom Boot geht und eigentlich direkt Lust auf die nächste Regatta hat, kann das Projekt nicht ganz schlecht gewesen sein. Für uns war die Copa deshalb ein voller Erfolg. Und auch wenn es für diesen Titel keine offizielle Copa Wertung gab, war die Entscheidung innerhalb unserer Crew ziemlich eindeutig.
Gewinner der Herzen: Sascha