Manche Projekte entstehen aus langer Planung, andere aus Zufall, Kontakten und einer guten Portion Vertrauen. Diese Überführung gehörte definitiv zur zweiten Kategorie. Der Ausgangspunkt war eigentlich eine ganz andere Regatta: Bei Students at Sea hatten wir in diesem Jahr nicht nur den ersten Platz gewonnen, sondern waren auch durch eine durchweg positive Stimmung und viel Social-Media-Arbeit aufgefallen. Der überraschende Sieg brachte uns außerdem die Charter eines kompletten Bootes für die Adria Sailing Week ein.
Über diese Sichtbarkeit kam schließlich ein Team auf uns zu, das sein Regattaboot nach einer Regatta in Rom zurück in den Heimathafen nach Barcelona überführen musste, dafür aber selbst keine Zeit hatte. Nach einer kurzen Kontaktaufnahme durch Jan Flöter wurde uns das Boot anvertraut. Flüge, Essen und Wasser waren organisiert beziehungsweise wurden übernommen, sodass wir ziemlich direkt loslegen konnten.
Und so standen wir am Samstag, den 18. April 2026, gepackt und startklar in Rom vor einer Mini 650. Vier Leute Crew, davon drei studentische Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ein Boot ohne Motor und ungefähr 260 Seemeilen Mittelmeer vor uns. Was sollte da schon schiefgehen?
Der Start begann direkt mit einem kleinen Hafenmanöver-Abenteuer. Der Wind kam aus einer denkbar ungünstigen Richtung. Unter Segeln abzulegen war in der Box nicht sinnvoll möglich, denn der Wind stand schräg von hinten. Einen Motor gab es nicht. Damit war ziemlich schnell klar: Das wird kein elegantes „Wir fahren einfach raus“, sondern eher ein „Wir überlegen uns jetzt gemeinsam etwas sehr Gutes“.
Also wurde mit dem Hafen gefunkt. Zum Glück schickte man uns ein RIB, das uns aus der Box half. Damit war die erste Hürde genommen und die Überführung konnte beginnen.
Die ersten beiden Tage ging es bei mäßigem Wind, ungefähr acht Knoten, eher gegenan. Dabei zeigte sich schnell, dass der typische Scow-Bug zwar sehr beeindruckend aussieht und auf raumen Kursen viel Potenzial verspricht, gegen Wind und Welle aber nicht unbedingt seine Lieblingsdisziplin gefunden hat. Das Boot fuhr sehr hart in die Welle. Jede kurze See erinnerte uns daran, dass sechs Meter Boot eben sechs Meter Boot bleiben, auch wenn sie sehr breit und sehr sportlich verpackt sind.
Trotzdem war die Stimmung an Bord von Anfang an hervorragend. Alle hatten richtig Lust auf dieses Projekt, es wurde viel gelacht und die Motivation war hoch. Noch war alles nass, eng und unbequem, aber eben auch neu, aufregend und ziemlich besonders.
Das Leben an Bord war, sagen wir mal, phänomenal spartanisch. Die Mini war komplett leer. Es gab keine Abtrennungen, keine Türen, keine Verkleidungen und kein Klo. Luxus bedeutete also nicht Stehhöhe oder Privatsphäre, sondern eher: Du findest deinen Schlafplatz wieder und niemand tritt dir dabei aus Versehen ins Gesicht.
Dafür hatten wir einen wunderbaren Jetboiler an Bord, der sich schnell als eines der wichtigsten Crewmitglieder herausstellte. Durch seine Kork-Neopren-Isolierung gab er kaum Wärme nach außen ab, sodass man ihn jederzeit gut anfassen konnte. Auch die Wellenform außen sorgte dafür, dass man sich kaum direkt am Brenner verbrennen konnte. Für ein kleines, nasses und schaukelndes Boot war das Gold wert.
Die eigentliche Herausforderung war eher das kochende Wasser. Das musste in Astronautenbeutel gefüllt werden, und das ist bei Welle ungefähr so filigran wie Tee einschenken auf einer Hüpfburg. Mit Gummis, Abspannung und einer Art handgedämpfter Technik bekamen wir aber auch das immer besser in den Griff. Am Ende hatten wir richtig gute Abläufe entwickelt, und es war beeindruckend zu sehen, wie schnell man auch in schwierigen Situationen warmes Essen machen konnte.
Auch die Toilettenfrage wurde kreativ gelöst. Bei den Männern war das meistens relativ unkompliziert und wurde häufig über das „See-Klo“ erledigt. Für Sophie war das verständlicherweise etwas gewöhnungsbedürftiger und mit mehr Aufwand verbunden. Aber auch hier fanden wir mit Eimer und biologisch abbaubaren Tüten eine Lösung, die erstaunlich gut funktionierte. Nicht glamourös, aber praktikabel. Und auf sechs Metern Boot ist praktikabel manchmal schon ziemlich nah an perfekt. Irgendwie wurde das alles direkt in Kauf genommen, sodass der Luxus auch keinem mehr fehlte. Diese Momente schweißen einfach dadurch doch sehr viel schneller zusammen.
Am Abend des zweiten Tages begann sich die Wetterlage zu verändern. Aus der zunächst stabilen Situation entwickelte sich mehr Wind, und damit wurde klar, dass die Straße von Bonifacio kein gemütlicher Durchgang werden würde.
Für ein sechs Meter langes Boot waren die Bedingungen dort ziemlich unentspannt. Die Wellen fühlten sich an, als würde man regelmäßig gegen einen Container fahren. Durch den harten Scow-Bug knallte das Boot immer wieder in die See. Wenn du unten auf dem Boden lagst und versucht hast zu schlafen, hast du jede Welle durch die Wabenstruktur des GFK-Rumpfes gespürt. Komfort ist eben relativ. Auf einer Mini 650 bedeutet Komfort manchmal schon, dass du kurz nicht durch die Gegend fliegst.
Vorne an Deck wurde es besonders sportlich. Joshi war vorne, um die Fock zu bedienen und zu reffen. Das Reffen läuft klassisch über Stagreiter, da nur eine Fock angeschlagen ist. Ähnlich wie bei klassischen Großseglern wird das Segel von oben nach unten gerefft und anschließend über einen Reißverschluss verstaut. Auf einer Mini 650 mit Scow-Bug und wenig Platz ist das allerdings alles andere als entspannt.
Das Volumen reichte nicht immer aus, um sauber über die Wellen zu gleiten. Stattdessen schoss die See teilweise komplett über den Bug und unter dem Ölzeug hindurch. Danach war klar: trocken ist nur ein theoretisches Konzept. Möglichkeiten zum Trocknen gab es praktisch keine. Heizung, Komfort und trockene Kleidung wurden auf diesem Boot eher als Luxusartikel behandelt.
Zusätzlich bemerkten wir, dass eine Decksmanschette am Mast undicht war. Dadurch kam etwas Wasser ins Boot. Nicht dramatisch, aber genug, um die ohnehin schon eher feuchte Innenraumatmosphäre noch etwas konsequenter zu gestalten.
Nach einer harten Nacht und einer echten Glanzleistung von Jan Flöter meisterten wir die Straße von Bonifacio sicher. Danach ging es bei moderateren Bedingungen weiter Richtung Marseille. Der Plan war, einen nördlichen Windeinschlag zu nutzen, um anschließend mit ordentlich Druck downwind Richtung Barcelona zu fahren.
Auch die Manöver waren auf der Mini 650 etwas anders, als man es von vielen anderen Booten kennt. Durch das Squaretop-Großsegel mussten bei Wenden und Halsen immer die Running Backstays mitgefahren werden. Wenn das nicht passierte, konnte das Großsegel nicht sauber aufgehen, weil das alte Backstay das Squaretop blockierte. Im schlimmsten Fall hätte man sich damit direkt abgeschossen.
Gerade bei viel Wind und hoher Geschwindigkeit bedeutete das: Es mussten sehr viele Dinge gleichzeitig passieren. Steuern, Schoten fahren, Backstays bedienen, Groß kontrollieren und dabei möglichst nicht selbst irgendwo im Cockpit verschwinden. In manchen Situationen merkte man deutlich, dass für Vollgas-Segeln auf so einem Boot gerne noch ein paar Hände mehr an Bord sein dürften.
Aber auch das wurde von Tag zu Tag besser. Nach den ersten Manövern hatten wir den Ablauf deutlich besser verstanden, die Rollen wurden klarer und die Crew lernte schnell, wie das Boot reagiert. Genau das machte die Überführung so wertvoll. Du lernst nicht theoretisch, sondern direkt, nass und mit ordentlich Druck im Rigg.
Am Dienstag waren wir durch die Straße von Bonifacio durch und auf dem Weg in Richtung Barcelona. Der Tag selbst war eher ein Leichtwindtag. Wir warteten auf den Wind, sortierten uns, erholten uns ein wenig von der vorherigen Nacht und bereiteten uns mental auf das vor, was kommen sollte.
Auf einer Mini 650 fühlt sich Leichtwind schnell nach Geduldsprobe an. Alles ist bereit für Geschwindigkeit, das Boot wirkt, als wolle es endlich losrennen, aber das Meer sagt erst einmal: „Heute vielleicht später.“ Also wartest du, beobachtest die Wetterentwicklung und hoffst, dass die Prognose hält.
Und sie hielt.
Am Mittwoch setzte endlich der langersehnte Anti-Mistral ein. Und plötzlich war aus Warten wieder Segeln geworden. Nicht einfach nur Segeln, sondern Mini-650-Segeln im besten Sinne.
Wir konnten das Boot richtig austesten und an seine Grenzen bringen. Besonders deutlich wurde dabei, wie wichtig Gewichtsverlagerung auf so einem Boot ist. Gewicht richtig zu platzieren bringt unfassbar viel Sicherheit. Es hilft gegen Sonnenschüsse, gegen das Abtauchen in Wellen und sorgt dafür, dass das Boot schneller und kontrollierter ins Gleiten kommt.
Und wenn so eine Mini 650 einmal gleitet, dann verstehst du ziemlich schnell, warum Menschen solche Boote bauen und segeln. Downwind mit Gennaker, voll im Gleiten und mit über 15 Knoten Bootspeed ist ein Gefühl, das sich schwer beschreiben lässt. Das Grinsen kommt dabei nicht aus Höflichkeit, sondern aus reiner Überforderung vor Freude.
Wir hatten unglaublich viel Spaß. Es wurde regelrecht ums Steuern gekämpft. Alle wollten mal ran, alle wollten das Boot spüren, alle wollten diesen Moment mitnehmen. Gleichzeitig war klar, dass man diese Konzentration nicht sechs Stunden am Stück halten kann. Deshalb waren die vielen Wechsel an der Pinne ideal. Jede und jeder konnte fahren, lernen, lachen und irgendwann wieder durchatmen.
Nach rund vier Stunden Vollgas brauchten wir eine kleine Auszeit. Der Gennaker wurde geborgen, und wir gingen langsam in den Nachtmodus über. Etwas weniger Druck, etwas mehr Ordnung, etwas mehr Schlafversuch. Zumindest war das der Plan.
Die erste Nachtschicht hatten Sophie und Joshi. Zunächst war alles relativ entspannt. Das Boot lief unter Autopilot, die Stimmung war ruhig, und nach der Halse wollten wir den direkten Schlag Richtung Barcelona machen.
Dann kam eine Downsquall.
Der Wind nahm schlagartig auf etwa 30 Knoten zu. Natürlich war zu diesem Zeitpunkt noch nichts gerefft. Plötzlich fuhren wir fast so schnell wie vorher unter Gennaker, nur eben ohne das Gefühl, dass das alles besonders geplant war. Das Boot ging mit über zwölf Knoten voll ins Gleiten und war kurz davor, komplett außer Kontrolle zu geraten.
In diesem Moment war schnelle Entscheidung wichtiger als langes Diskutieren. Wir beschlossen, die Segel komplett zu bergen, um das Boot zu beruhigen, uns zu sortieren und aufzuräumen. Unter Deck lag durch den Sonnenschuss alles kreuz und quer. Zum Glück war niemand unten durchs Boot geflogen, und es gab keine Verletzten.
Als die Segel geborgen waren, stellten wir fest, dass das Boot selbst ohne Segel immer noch über fünf Knoten Fahrt machte. Das war beeindruckend, aber auch ein deutlicher Hinweis darauf, dass draußen gerade genug Energie im System war.
Nachdem alles wieder sortiert war, tasteten wir uns vorsichtig heran. Zuerst wurde die Fock gesetzt. Als das gut funktionierte und der Wind wieder etwas nachließ, entschieden wir uns, auch das Groß wieder zu setzen, allerdings im dritten Reff. Bei etwa drei Meter Welle war das alles körperlich und mental ziemlich anstrengend. Spätestens nach dieser Aktion waren allerdings alle wieder hellwach.
Mit gerefftem Groß und Fock segelten wir weiter Richtung Barcelona. Die Bedingungen blieben anspruchsvoll, aber kontrollierbar. Nach dieser Nacht war die Crew müde, aber auch sehr fokussiert. Jede und jeder wusste, dass jetzt saubere Entscheidungen gefragt waren.
Die Hafeneinfahrt wurde dann noch einmal zur letzten Prüfung. Bei etwa drei Meter Welle und einer Einfahrt von ungefähr zehn Metern Breite mussten wir sehr sauber hineinmanövrieren. Einen Motor gab es immer noch nicht, also blieb nur: unter Segeln konzentriert reingehen, im Hafen die Segel bergen und das Boot kontrolliert an die Pier treiben lassen.
Der Hafen war leider geschlossen. Wir versuchten noch, ihn per Funk zu erreichen, aber eine weitere Nacht draußen bei übermüdeter Crew und drei Meter Welle wollte wirklich niemand riskieren. Also machten wir das, was diese Überführung irgendwie ganz gut zusammenfasst: ruhig bleiben, sauber segeln und das Beste aus der Situation machen.
Der Anleger unter Segeln gelang ziemlich perfekt. Kein Motor, wenig Raum, müde Crew, aber ein sehr gutes Ende. Am nächsten Morgen wurde das Boot schnell ausgekrant und reisefertig hinterlassen, sodass wir direkt weiterkonnten.
Diese Überführung war ein absolutes Top-Event. Sie war kurz, intensiv, nass, laut, schnell und lehrreich. Eine Mini 650 von Rom nach Barcelona zu bringen, ist kein gemütlicher Urlaubstörn. Es ist eher ein Crashkurs in Bootshandling, Wetter, Starkwindentscheidungen, Schlafmangel und Teamarbeit.
Wir haben gelernt, wie brutal direkt so ein kleines Regattaboot Feedback gibt. Gegenan spürst du jede Welle. Downwind belohnt es dich dafür mit Geschwindigkeit, Gleiten und einem Grinsen, das du nicht mehr so schnell loswirst. Wir haben gesehen, wie wichtig Gewichtsverlagerung, klare Kommunikation, gute Abläufe und schnelle Entscheidungen sind. Und wir haben gemerkt, dass vier motivierte Menschen auf sechs Metern Boot sehr viel schaffen können, wenn die Stimmung stimmt.
Besonders schön war, dass dieses Projekt überhaupt durch Vertrauen entstanden ist. Aus Social-Media-Sichtbarkeit, Regattaerfolg und einem guten Kontakt wurde eine echte Chance für studentische Seglerinnen und Segler. Dass uns ein Team sein Regattaboot anvertraut, die Überführung ermöglicht und die Kosten übernimmt, ist alles andere als selbstverständlich.
Am Ende bleibt eine Überführung, die sich wahrscheinlich noch lange nach Mini anfühlt, aber maximal in Erinnerung bleibt.
Oder anders gesagt: Wir sind nicht nur von Rom nach Barcelona gesegelt. Wir sind gekreuzt, geglitten, geknallt, gerefft, gekocht, getrocknet eher nicht, gegrinst dafür umso mehr und am Ende sauber angekommen.