Zwischen Riggtrimm, Rennbahn und richtig guter Crew

Manche Projekte starten mit einem Kaffee. Dieses hier zum Glück auch. Ein Teil der Crew war bereits in Genua und konnte die übermüdete Überführungscrew mit Kaffee und heißer Schoki in Empfang nehmen. Am Steg wurde dann erst einmal gemeinsam durchgeatmet, Kaffee getrunken und über die Überführung, das Boot und alles Mögliche gequatscht, was nach so einer Aktion eben auf den Tisch kommt.

Natürlich blieb es nicht lange beim gemütlichen Teil. Nach dem Focaccia-Frühstücks-Brunch, einer sehr italienischen und sehr guten Form der Regattavorbereitung, ging es direkt weiter mit dem Umbau. Denn aus einem überführten Boot wird nicht automatisch ein Regattaboot. Dafür braucht es Hände, Werkzeug, Tape, Markierungen, Segel, Ordnung und vor allem Menschen, die anfangen, Dinge von A nach B zu tragen.

Also wurde das Boot Schritt für Schritt auf Regatta umgebaut. Fallen, Schoten und Segel wurden vorbereitet, Segel angeschlagen, Markierungen gesetzt und sehr viel Material vom Boot heruntergenommen. Ziel war es, sich wieder frei auf dem Boot bewegen zu können, ohne bei jedem Schritt über Ausrüstung, Werkzeug oder geheimnisvolle „Das-kann-bestimmt-noch-mal-nützlich-sein“-Teile zu stolpern. Nebenbei wurde aussortiert, weggeräumt und weggeschmissen. Kurz gesagt: Das Boot wurde nicht nur leichter, sondern auch deutlich regattatauglicher.

Montag: Alberto, der Furler und die Frage nach roher Gewalt

Am Montag kam Alberto, ein befreundeter Yachtexperte aus Savona, an Bord, um den Riggtrimm noch einmal zu optimieren. Schnell stellte sich heraus, dass eine der Hauptbaustellen der Furler war. Dieser saß so fest, dass das Vorstag nicht getauscht werden konnte. Damit ließ sich auch das komplette Rig nicht sauber einstellen. Das Ergebnis war eine leichte S-Kurve im Rigg, die auf lange Sicht vermutlich nicht besonders gesund gewesen wäre und eventuell sogar zu einer plastischen Verformung hätte führen können.

Während die Crew sich also fragte, wie viel Kraft an so einem Bauteil eigentlich noch als „fachgerecht“ gilt, verschwand Alberto für rund drei Stunden im Ankerkasten. Dort arbeitete er mit Hammer, Geduld und erstaunlich viel Entschlossenheit daran, die Furlerrolle wieder loszurütteln.

Für alle, die zusahen, war das ein Moment zwischen Bewunderung und innerem Zusammenzucken. Man war sich nicht immer ganz sicher, ob das noch Handwerk oder schon kontrollierte Eskalation war. Aber genau da zeigte sich, warum es manchmal sehr sinnvoll ist, einen Profi an Bord zu holen. Alberto wusste offensichtlich sehr genau, was er tat. Am Ende war der Furler gelöst, das Vorstag konnte getauscht werden und das Rigg ließ sich endlich richtig einstellen.

Der Unterschied war direkt erkennbar. Der Mast stand sauberer da, das Rigg wirkte stimmiger und die Crew hatte wieder einmal gelernt: Manchmal braucht es eben nicht nur Feingefühl, sondern auch einen Hammer und jemanden, der weiß, wo er ihn einsetzen darf.

Parallel dazu bereitete der Rest der Crew weiter die Segel vor. Latten wurden eingezogen, Einstellungen kontrolliert und Feintuning betrieben. Anti-Rutsch Aufkleber am Niedergang wurden weiter getauscht, sodass wir am Ende des Tages das Gefühl hatten, tatsächlich ziemlich gut vorbereitet in die Trainingsphase starten zu können.

Dienstag: Training bei Idealbedingungen

Am Dienstag ging es zum ersten Mal zum Training raus. Und Genua zeigte sich direkt von seiner besten Seite. Bei etwa zwölf Knoten Wind hatten wir ideale Bedingungen, um das Boot, die Crew und die neuen Segel kennenzulernen.

Die neuen Segel wurden eingefahren, Manöver geübt und Abläufe sortiert. Gerade nach den vielen Umbau- und Vorbereitungsarbeiten war es ein besonderer Moment, das Boot endlich wieder richtig auf dem Wasser zu erleben. Du merkst bei so einem Training schnell, ob die Markierungen passen, ob die Wege an Deck funktionieren und ob alle wissen, wann sie wo gebraucht werden.

Natürlich war noch nicht alles perfekt. Aber genau dafür sind Trainingstage da. Es wurde ausprobiert, nachjustiert, besprochen und wiederholt. Und mit jedem Manöver wurde deutlicher: Aus vielen einzelnen Menschen an Bord wurde langsam eine Crew.

Mittwoch: Noch mehr Training, noch mehr Feinschliff

Auch der Mittwoch brachte sehr gute Trainingsbedingungen mit ähnlichem Wind. Damit konnten wir direkt an den Vortag anknüpfen und weiter am Feinschliff arbeiten.

Die Manöver wurden sauberer, die Kommunikation klarer und das Boot vertrauter. Gerade bei einer Regattavorbereitung ist das Gold wert. Denn auf der Rennbahn bleibt später keine Zeit mehr, lange zu diskutieren, wer welche Schot übernimmt oder warum der Baum gerade da ist, wo man selbst eigentlich stehen wollte.

Es ging also darum, Abläufe zu festigen, Vertrauen aufzubauen und das Boot unter Regattabedingungen besser zu verstehen. Und das funktionierte von Stunde zu Stunde besser.

Donnerstag: Viel Wind, keine Wettfahrten und ein sportlicher Hafenwechsel

Am Donnerstag zeigte Genua dann, dass es nicht nur Trainingsbedingungen kann, sondern auch ordentlich Wind. Es wehte so stark, dass an kein Training zu denken war. Bei etwa 35 Knoten war klar: Heute wird nicht auf der Rennbahn geglänzt, heute wird erst einmal vernünftig entschieden.

Da über das Meldegeld ein Liegeplatz beim Yacht Club Italiano enthalten war, nutzten wir die Gelegenheit und verlegten das Boot von Porto Antico dorthin. Aus „keine Wettfahrt“ wurde also nicht „nichts tun“, sondern ein kleiner Starkwind-Hafenwechsel.

Bei 35 Knoten einfach mal eben den Hafen zu wechseln, klingt auf dem Papier vielleicht unspektakulär. In echt ist es aber genug Wind, um alle sehr wach, sehr konzentriert und sehr aufmerksam zu machen. Am Ende lag das Boot sicher beim Yacht Club Italiano, und wir hatten wieder eine Erfahrung mehr auf der Liste.

Der Tag zeigte außerdem, dass auch an Land keine Langeweile aufkam. Die Stimmung blieb durchgehend positiv. Einige nutzten die Zeit für spontane Laufrunden, andere kümmerten sich um die Expedition Indoors. Es war großartig zu sehen, wie unterschiedlich die Charaktere an Bord waren und wie gut sie sich ergänzt haben. Wenn nicht gesegelt wurde, wurde eben anders Energie abgebaut oder weiter auf die Regatta vorbereitet.

Freitag: Erste Wettfahrten, viel Wind und trouble mit Spis

Am Freitag wurde es ernst. Die ersten Wettfahrten standen an, und die Bedingungen waren alles andere als gemütlich. Der Wind war instabil und böig, mit etwa 20 bis 30 Knoten. Wir entschieden uns, gerefft zu fahren.

Auf der Bahn zeigte sich schnell, dass auch andere Crews mit den Bedingungen zu kämpfen hatten. Manche entschieden sich sogar dafür, das Großsegel auf dem Vorwindkurs komplett flattern zu lassen, um auf Dauer etwas mehr Tuch oben lassen zu können. Es war also kein Tag für feine Kaffeefahrt-Manöver, sondern einer für klare Entscheidungen und robuste Nerven.

Im ersten Lauf zogen wir noch den Spinnaker. Das funktionierte zunächst, aber nach einem Sonnenschuss und einigen geplatzten Spinnakern auf der Rennbahn entschieden wir uns, die weiteren Wettfahrten ohne Spi zu segeln. Das war vielleicht nicht die spektakulärste, aber definitiv eine vernünftige Entscheidung.

Um noch weniger Tuch zu haben, fuhren wir mit der alten G35. Diese ist zwar schon ziemlich alt, aber sie half uns, das Boot unter Kontrolle zu halten und sicher durch die Wettfahrten zu kommen. Der Tag war intensiv, nass, windig und lehrreich. Also eigentlich genau das, was man bei einer Regatta im Nachhinein gerne „gute Erfahrung“ nennt, auch wenn es sich währenddessen eher nach „Warum ist hier überall so viel Wind?“ anfühlt.

Samstag: Reparieren, rausfahren, Traumbedingungen

Am Samstag wurde zunächst die G35 zum Segelmacher gebracht, da diese am Achterliek ein paar Löcher aufwies. Ein Regattaboot ist schließlich nie einfach nur fertig, sondern meistens in einem Zustand zwischen „läuft gut“ und „da müssen wir gleich noch mal kurz ran“.

Danach ging es wieder raus auf die Rennbahn. Und diesmal passte einfach vieles zusammen. Die Bedingungen waren traumhaft, das Boot fühlte sich gut an und wir konnten unsere neue G3 benutzen. Nach dem starken Wind vom Vortag war das ein richtig schöner Kontrast.

Die Crew wurde sicherer, die Abläufe griffen besser ineinander und das Boot ließ sich zunehmend so segeln, wie wir es uns vorgestellt hatten. Du merkst an solchen Tagen, warum man vorher all die Arbeit macht. Warum man Segel vorbereitet, Markierungen setzt, Material sortiert, Rigg trimmt und sich mit Ankerkästen, Furlern und widerspenstigen Bauteilen beschäftigt. Weil es sich genau dann auszahlt, wenn das Boot auf der Rennbahn sauber läuft.

Sonntag: Viel Wind, klare Rollen und eine Crew, die zusammengewachsen ist

Am Sonntag, dem letzten Tag, gab es wieder viel Wind. Und genau an diesem Tag merkte man besonders deutlich, wie sehr die Crew inzwischen zusammengewachsen war. Jede und jeder wusste, was zu tun war. Die Rollen waren klar, die Manöver waren eingespielt und vieles lief deutlich cleaner als noch zu Beginn der Woche.

Das war einer dieser Momente, in denen du spürst, dass aus Training, Vorbereitung und gemeinsamen Herausforderungen wirklich etwas entstanden ist. Die Kommunikation wurde ruhiger, die Wege an Deck klarer und die Manöver sauberer. Leider war es schon der letzte Tag, sodass wir gar nicht mehr richtig auf Höchstleistung kommen konnten. Aber gerade deshalb blieb auch dieses Gefühl: Da wäre noch mehr gegangen.

Trotzdem hat es allen unglaublich viel Spaß gemacht, bei diesen Bedingungen das Boot weiter kennenzulernen und sich auch gegenseitig auf der Rennbahn besser einzuspielen. Die Genua Sailing Week war damit nicht nur eine Regatta, sondern auch ein intensives Crewtraining, eine technische Fortbildung und ein ziemlich gutes Beispiel dafür, wie viel man in wenigen Tagen gemeinsam erreichen kann.

Danke an Oliver und Jan Philipp

Ein besonderer Dank geht an Oliver Hambrecht und Jan Philipp Schlomann. Oliver als Skipper und Jan Philipp als Projektleiter haben mit viel Geduld, Know-how durch die vergangenen Umbauten und Ruhe durch die Woche geführt. Besonders wertvoll war dabei die Erfahrung, die über die letzten Jahre unter anderem beim Giraglia Cup gesammelt wurde und nun an die nächste Regatta-Generation weitergegeben werden konnte.

Genau solche Projekte leben davon, dass Wissen nicht irgendwo in einer Backskiste verschwindet, sondern weitergegeben wird. Und in dieser Woche wurde sehr viel gelernt: über Regattavorbereitung, Rigtrimm, Segelwahl, Starkwindentscheidungen, Manöverabläufe, Crewkommunikation und darüber, wie wichtig gute Stimmung an Bord ist.

Fazit

Die Genua Sailing Week war eine großartige Mischung aus Schrauben, Trainieren, Lernen und Regattasegeln. Das Boot wurde vorbereitet, optimiert und auf der Rennbahn getestet. Die Crew ist mit jedem Tag besser zusammengewachsen, und spätestens am letzten Tag war deutlich zu sehen, wie viel Entwicklung in so kurzer Zeit möglich ist.

Es war nicht immer einfach. Es gab Starkwind, technische Baustellen, Reparaturen und schwierige Entscheidungen auf der Bahn. Aber genau das macht solche Projekte wertvoll. Du lernst das Boot nicht nur im Sonnenschein kennen, sondern auch dann, wenn es laut, nass, windig und ein bisschen chaotisch wird.

Am Ende bleibt eine Woche voller Energie, guter Stimmung und sehr viel neuem Wissen. Oder anders gesagt: Wir sind nicht nur Regatta gesegelt. Wir haben getrimmt, getragen, getaped, getestet, gelernt, gelacht und sind als Crew ein gutes Stück weiter zusammengewachsen.

Datum: 21.03.26 - 30.03.26
Revier: Genua
Skipper: Oliver Hambrecht
Boot: askew
Crewstärke: 7
Start- & Zielhafen: Genua
Typ: Up & Down
Projektleiter: Jan Philipp Schlomann
Bericht: Mr. X